Bei DWDL war kürzlich ein interessanter Artikel zu lesen. In diesem hieß es, ORF und Pro 7 würden aus Gründen der Pietät in nächster Zeit keine Folgen der Zeichentrickserie "Die Simpsons" ausstrahlen, in denen es um das Kernkraftwerk Springfield oder Unfälle darin gehe. Laut einer Stellungnahme der ORF Serienchefin Andrea Bogard-Radatz gegenüber dem Tagesspiegel wäre es "unpassend, themenaffine Folgen zu zeigen", da sich Zuschauer unagenehm berührt fühlen könnten.
Nun drängen sich hier gleich mehrere Fragen auf, wobei "Was soll das alles eigentlich?" wohl an erster Stelle steht. Ich schiebe sie aber mal ganz nach hinten, was, wie wir sehen werden, durchaus sinnvoll ist.
 
Wen interessiert das eigentlich?
Gute Frage. Zumindest bei Klo - äh, Verzeihung - Pro7 laufen die Simpsons schon jahrelang in einer Dauerwiederholungsschleife. Ich bin mir sicher, die Programmacher danken ihrem Schöpfer für die Digitaltechnik, denn würden hier noch MAZ-Bänder laufen, wären die wahrscheinlich längst durchgescheuert. Es gibt sicher langlebigeres im deutschen Fernsehen (z.B. die Lindenstraße oder GZSZ), aber ich glaube, zumindest aus einem Bauchgefühl heraus, nichts ist so oft immer und immer wiederholt worden, wie die gelben Comicfiguren von Matt Groening.
Von daher kennt der Fan der Serie zum ersten ohnehin alle Folgen schon auswendig und zum zweiten hat er sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf DVD und würde einen Teufel tun, sich die Choose im Free-TV mit nerviger Werbung anzutun. Also, interessiert das den Simpsons-Fan? Klares NEIN hierzu.
 
Wer fühlt sich unangenehm berührt?
Das ist die eigentliche, die hauptsächliche Frage. Schließlich werden die Folgen derzeit nach "menschlichem pietätvollem Empfinden" geprüft, um AKW-Folgen zu verschieben. Wohlgemerkt: zu verschieben. Man wird sie also wieder ausstrahlen - wenn sich die Lage in Japan beruhigt hat, kehrt man serientechnisch wieder zur Normalität zurück, was immer das auch heissen soll.
Wir halten kurz inne - Pietät? Seit wann ist dieser Begriff im Vokabular der Fernsehmacher angekommen? Das ist nun wirklich eine Neuigkeit! Seit Beginn der Katastrophe wird bei ntv und N24 praktisch rund um die Uhr darüber berichtet, natürlich unter dem Deckmäntelchen des Journalismus. Sieht man sich aber einige Beiträge hierzu genauer an und achtet insbesondere auf Bildkomposition und Musikuntermalung, gelangt man schnell zu dem Schluß, daß das alles mit reinem Journalismus wenig zu tun hat. Eher mit zu Dramen aufgeblasenen kleinen Fernsehfilmen. Um dem dann auch noch die Krone aufzusetzen, laufen nun verstärkt wieder Dokus über Tschernobyl und die Atombomben von Japan sowie nukleare Waffen allgemein. Immerhin, eine Abwechslung - sieht man doch sonst eher täglich irgendeine Doku über Hitler oder den Zweiten Weltkrieg. Ist diese Schwemme an Dokus zum Thema nun besonders pietätvoll? Oder soll es von Pietät zeugen, das Thema grundsätzlich außerhalb der normalen Nachrichten zu vermeiden? Beides ist m.E. blödsinnig. Life goes on. Hier eine Zeichentrickserie, die ohnehin eher subversiv der Gesellschaft den Spiegel vorhält, nach fragwürdigen Inhalten abzusuchen und sie vorläufig nicht zu senden, ist Eulen nach Athen tragen. Sicherlich könnte es immer einen Herrn Meier oder eine Frau Müller geben, die sich bei irgendwelchen Inhalten auf die Zehen getreten fühlt. Ob diese aber im Klientel der Simpons-Seher zu finden sind, darf doch stark angezweifelt werden.
 
Wie mag das wohl weitergehen?
"Wehre den Anfängen!", wie schon der römische Dichter Ovid erkannte. Oder anders gesagt: wenn man sich schon lächerlich macht, dann aber bitteschön auch richtig. So war z.B. vor zwei Tagen in den Nachrichten zu sehen, daß es 60 verletzte Jugendliche bei einer Autogrammstunde von "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) gegeben hat. Mal ganz abgesehen davon, daß es schon einiges über dieses Land aussagt, wenn sich tausende Jugendliche für Autogramme von ein paar Nichtskönnern und Hampelmännern anstellen und diese tatsächlich wie Stars behandeln, wäre es doch eigentlich nur konsequent, aus Gründen der Pietät bis auf weiteres auf die Ausstrahlung von DSDS zu verzichten. Die Eltern der verletzten Jungs und Mädchen finden es sicher unpassend, das themenaffine Fernsehformat, das erst zu diesem Wahnsinn geführt hat, weiter auf Sendung zu sehen.
Die Weltwirtschaftskrise ist noch nicht richtig überstanden. Amerika hängt nach wie vor in den Seilen und einigen Ländern Europas droht der finanzielle Bankrott. Trotzdem soll es eine Neuauflage von "Dallas" geben, einer Serie, die uns schon immer gelehrt hat, daß Gier einfach gut ist und die selbsternannten oberen Zehntausend ohnehin machen, was sie wollen. Will der normale Mensch sowas sehen? Wäre es nicht pietätvoller, auf die Realisierung zu verzichten, weil in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage ein solches Format eher unpassend ist?
Irgendwo in Deutschland wird ein Mensch erschossen oder Opfer eine Gewaltverbrechens. Aus Pietätsgründen sollte daher unbedingt auf die Ausstrahlung von Krimiserien a lá "Tatort" unebdingt verzichtet werden. Ebenso wäre es besser, keine Actionfilme mehr zu zeigen, da auch hier Gewalt an Mitmenschen verübt wird. Und überhaupt diese Scheiß-Naturkatastrophen. Generell sollte auf die Ausstrahlung von Filmen wie "Erdbeben", "Twister", "Das Poseidon Inferno" und ähnliche generell verzichtet werden. Schließlich gibt es immer Überlebende oder Opferangehörige ähnlicher Katastrophen, denen so etwas sauer aufstossen könnte.
Polemik beiseite. Es gäbe also immer einen fadenscheinigen Grund, Programmformate zu ändern oder zu hinterfragen. Gemacht wird es trotzdem im Normafall nicht, und Sendungen wie Dschungelcamp, DSDS und Heidi Klums Supermodel fahren fröhlich weiter damit fort, menschenverachtendes "Entertainment" zu zelebrieren. Dumpfnasen wie Stefan Raab machen sich weiterhin auf Kosten anderer lustig. Niveauloser Scheißdreck auf RTL zeigt weiterhin einseitig das Leben der "Unterschicht" und schert alle über einen Kamm. Sogenannter Polit-Talk präsentiert uns weiterhin die immergleichen Nasen, die ihre Weltsicht als die einzig Wahre verkaufen dürfen und Talkformate wie Beckmann und Kosnsorten tragen weiterhin zur Verwahrlosung der Diskussionkultur bei. Das alles ist in Ordnung, aber bei einer Zeichentrickserie wird nach Pietät gefragt. Das ist Heuchelei im Quadrat, nichts anderes!
 
Was soll das alles nun eigentlich?
Hier mag jeder seine eigene Theorie haben. Meine ist folgende: durch die jahrelange Dauerwiederholung hat sich das Simpsons-Format schlicht abgenutzt. Die Quote, der ja mittlerweile auch die Öffentlich Rechtlichen hörig sind, sackt in bedenkliche Tiefen ab. Man braucht neues Publikum. Diejenigen, die die Serie kennen, schauen sie nicht mehr. Diejenigen, die sie nicht kennen, werden nun mit diesem Marketingtrick darauf aufmerksam gemacht und riskieren vielleicht mal einen Blick. Vielleicht bleiben sie auch hängen, finden es ganz witzig (was es beim ersten Ansehen ja durchaus ist) und sehen infolge regelmäßiger rein. Die Quote steigt, die Werbekunden sind zufrieden und die Programmmacher freuen sich.
Das steckt meiner Meinung nach dahinter. Mit echter Pietät hat das nichts zu tun, sonst müßte man, wie oben angeführt, auch andere Programmformate einer Prüfung unterziehen. Diese anderen Formate scheinen aber die Quote zu erfüllen. Aber die teueren Lizenzrechte für die Simpsons scheinen sich langsam nicht mehr zu rechnen. Deswegen muß man die Aufmerksamkeit potentieller Neu-Seher darauf lenken, egal wie. In meinen Augen ist das nicht nur heuchlerisch, sondern widerlich.
 
 
Natürlich, ich gebe zu, mit diesem Artikel auch mein Scherflein beigetragen zu haben. Es mag Leser dieser Zeilen geben, die noch nie von den Simpsons gehört haben. Falls ihr euch ohnehin nicht für Zeichentrickserien interessiert, kann euch die Serie auch weiterhin am Poppes vorbeigehen. Wenn ihr jetzt doch mal schauen wollt, kann und will ich euch nicht aufhalten. Ihr versäumt allerdings nichts, wenn ihr die Serie nicht kennt, soviel kann ich verraten.