In letzter Zeit wird in den diversen Presseorganen wieder häufiger ausgiebig darüber gejammert, wie schlecht es um die deutsche Bildungspolitik steht. Neben der gebetsmühlenartig wiederholten Forderung nach kleineren Klassen (was nur wenig bringt), wird durch die Bank geklagt, daß es einfach zu wenig Lehrer in den Schulen und Erzieher in den Kindergärten gibt. Ich halte dieses Gejaule für typisch deutsch - anstatt etwas flexibler zu werden, wird lieber erst mal gemosert.

 

Nun habe auch ich, geneigter Leser, kein Patentrezept für den Ausweg aus der "Misere". Wohl aber eine, wie ich meine, vielversprechende Idee. Ich fand es schon immer etwas merkwürdig, daß es in Deutschland eines staatlichen Befähigungsnachweises bedarf, um Kinder zu erziehen oder zu unterrichten. Im Umkehrschluß hieße das nämlich, daß Millionen Eltern eigentlich unfähig sind, ihren Nachwuchs aufzuziehen und ihm etwas beizubringen. Zugegeben, auf einen kleinen Prozentsatz mag das zutreffen, die überwältigende Masse macht das aber recht gut (auch wenn uns Deppensender wie RTL etwas gegenteiliges weismachen wollen). Diese Eltern haben aber weder eine staatliche Prüfung zum Erzieher noch ein Lehramts- bzw. Pädagogikstudium vorzuweisen. Dennoch werden aus ihren Kindern "anständige Menschen". Wie zu Teufel machen die das also bloß?

Ich denke, das liegt wohl daran, daß diese Eltern Erfahrung im "Menschsein" haben; einfach aufgrund ihres Alters. Alleine diese Erfahrung macht sie schon zu halben Erziehern; wissen sie doch um die Fallstricke und verschlungenen Pfade des Lebens. Natürlich: um Kinder erziehen zu können, muß man auch mit Kindern können. Wer absolut keinen Draht zu den Kleinen hat, kann auch nicht im Kindergarten arbeiten. Aber um dieses Klientel geht es hier auch gar nicht.
Es stehen also auf der einen Seite viele berufstätige Eltern, die verzweifelt einen Kita-Platz suchen, einem eklatanten Mangel an freien Plätzen und Erziehern gegenüber. Andererseits gibt es genug Arbeitslose, die hier durchaus einspringen würden, es aber aufgrund nicht vorhandener "Befähigung" nicht dürfen. Man muß schon mit extremer Blindheit geschlagen sein, um da den Fehler im System nicht zu erkennen.

Analog dazu die Schulen. Nehmen wir als erstes Beispiel mal den Werkunterrricht heraus (sofern es diesen überhaupt noch gibt). Wieviele arbeitslose Handwerker sitzen wohl unnütz herum, die hier einspringen könnten? Zumal ein Meister oder Geselle z.B. des Schreinerhandwerks wohl wesentlich mehr Können und Erfahrung einbringt als jeder Werklehrer. Warum wird also nicht an solche Berufsgruppen bei der Stellenbesetzung gedacht?
Gleiches gilt für die Naturwissenschaften; im klassischen Sinne also Mathematik, Physik, Biologie und Chemie. Ich bin davon überzeugt, daß es genug arbeitslose Fachkräfte in diesen Feldern gibt, die, wie man so schön sagt, bereits mehr in ihrem Fachgebiet vergessen haben als die klassischen Lehrer je lernen werden. Dennoch wird auf diesen Wissenspool verzichtet, weil die betreffenden Personen ja kein Pädagogikstudium und kein Staatsexamen vorweisen können. Das ist einfach lächerlich, wie überhaupt die Einstellung, Lehrer könne nur sein, wer studiert habe.
Musikunterricht? Man frage mal bei diversen arbeitslosen Musikern nach. Fremdsprachen? Unbeschäftigte Übersetzer oder gar native speaker gibt's genug. Sportunterricht (sofern noch vorhanden)? Ehemalig Sportstudenten, die nicht unterkommen, laufen zuhauf rum (wobei wir hier schon wieder darüber meckern können, wie man so etwas wie Sport überhaupt studieren kann). Und da Schule ja heutzutage nicht mehr dafür gedacht ist, dem jungen Menschen ein gerüttelt Maß an Allgemeinbildung mitzugeben, sondern nur noch dazu dient, zukünftige Arbeiter und Angestellte berufsvorbereitend zu formen, ließe sich dieses System auf beinahe jedes Schulfach ausweiten.

Man muß es ja nicht gleich übertreiben und jedem eine allumfassende Fachbefähigung zuerkennen. Ich denke allerdings wohl, daß fast jeder Erwachsene mit mehr als einem halben Hirn im Schädel beispielweise die Mathematik der Klassen eins bis vier aus dem effeff beherrscht und dieses Wissen demzufolge auch weitervermitteln kann. Genauso kann PRINZIPIELL jeder Deutsch; und wer es gut und richtig kann, sollte dieses Wissen auch weitergeben können. Ebenfalls ist fast jeder Bücherwurm und interessierte Leser im Prinzip in der Lage, Literaturgeschichte zu unterrichten. Und ich kenne persönlich ein paar Leute, die in ihrem Beruf keine Stelle finden, arbeitslos sind, aber wesentlich mehr von Geschichte wissen, als die meisten "Fach"lehrer. 
Gerade diese gezielten Brennpunkte sind es, von denen ich hier spreche. Es verlangt ja niemand, daß diese Menschen von den Schulen eingestellt und bis zur Rente beschäftigt werden. Aber wenn ich höre, wieviele Fachstunden aus Mangeln an Lehrern ausfallen, wundert es mich doch sehr, daß hier nicht Personal von aussen, und sei es auch nur zunächst befristet, eingestellt wird. So könnte man die Lücken überbrücken und wer weiß, vielleicht erweisen sich diese Menschen als derart fähig, daß man sie weiterbeschäftigt.

Warum dieses eigentlich logische Vorgehen nicht bereits längst umgesetzt wird, mag viele Gründe haben. Zum einen liegt es sicherlich an der Politik und ihrem mangelndem Willen, wirklich und wahrhaftig etwas für die Bildung zu tun. Trotz gegenteiliger Behauptungen und hohlen Euphemismen seitens der Politschranzen ist mittlerweile klar, daß die Bildung in Deutschland schon längst auf der Müllkippe gelandet ist. Man kann dies an diversen Anzeichen erkennen: Bildung ist Ländersache (und damit gnadenlos der Egozentrik der einzelnen Ministerpräsidenten ausgeliefert - welche nicht umsonst als "Landesfürsten" deklariert werden; mittelalterliche Zustände sind das fürwahr!); unter Bildung fällt nur noch, was im späteren Berufsleben vonnöten ist (was bedeutet, Allgemeinbildung ist eh für die Katz); G8 und "Turboabitur" (wobei mir immer der schöne Satz von Urban Priol dazu einfällt :"Die mit ihrem Scheiß G8 - wenn ich doch nur ein G3 hätt!") Anmerkung: Das G3 ist das ehemalige Gewehr der Bundeswehr; im Gegensatz zum heutigen Spielzeug G36 handelte es sich noch um eine richtige Waffe; Bachelor- und Masterstudium und schlußendlich die oben ausführlich dargelegten Hürden für die Wissensweitergabe.
Zum anderen ist die Trägheit der Gesellschaft nicht unschuldig an dem Problem. In vereinzelten Pilotprojekten hat das "Nicht nur Lehrer können lehren"-Prinzip nämlich durchaus bereits funktioniert, wurde dann aber aus unerfindlichen Gründen wieder verworfen. Es gibt aber auch Länder auf der Welt, in denen das durchaus gang und gäbe ist - und die Kinder dort sind deswegen nicht ungebildeter als bei uns, eher im Gegenteil.

Einem flächendeckenden Einsatz von Nicht-Pädagogen spräche also zunächst einmal nur wenig entgegen. Man muß sich nur mal trauen. Schließlich sind Eltern auch Wähler, und wenn diese sich mal massiv für das GRUNDrecht auf Bildung ihres Nachwuchses stark machen würden, könnte sich auch mal etwas bewegen im Land der Dichter und Denker.

 

 

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