Die ZEIT, 27.12.2007 (Ulrich Ladurner)
Amerikanische Bürger, denen etwas nicht passt, gründen gern Lobbygruppen mit dem Namen „Concerned Citizens Against…“ – „Betroffene Bürger gegen“ was auch immer: Raucher, Abtreibung, Übergewicht, illegale Immigranten.
Ob die Betroffenheit real ist oder nicht, spielt keine Rolle, wo sie gefühlt wird, auch nicht. „Betroffene Bürger“ kennen keine Grenzen, schon gar nicht, wenn der Urheber dieses Begriffs eine Supermacht ist. So kommt es, daß der Titel “Concerned Citizens“ seine Wanderschaft um die Welt angetreten hat. Nun hat er ein Land erreicht, das zwar betroffen war von der Diktatur, doch in dem niemand auf die Idee gekommen wäre, sich „Concerned Citizen“ zu nennen; das wäre lächerlich und gefährlich gewesen. Wer sich dort aus Betroffenheit wehrte, wurde vom Machthaber Terrorist genannt. Die Rede ist vom Irak.

 

Die Zeit, 04.09.08 (Finis)
Heute haben wir eine Buchempfehlung für den Papst. In dem Roman Der Hauptmann und das Frauenbataillon erzählt der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa gleich von zwei abscheulichen Vergehen wider den katholischen Geist. Das eine ist die Aufstellung einer Prostituiertentruppe (des sogenannten Frauenbataillons) zur Versorgung von Soldaten in einer abgelegenen Amazonasprovinz. Das andere ist die Reaktion der bestürzten Einwohner auf den plötzlichen Einbruch der Moderne: Sie beginnen wie bescheuert Frösche zu kreuzigen.
Man könnte das dialektisch sehen: Je tabuloser sich der säkulare Staat inszeniert, desto regressiver die Antwort der gekränkten Gläubigen bis hin zu häretischen Blasphemien. Es spricht allerdings manches dafür, dass der heutige Vatikan die Frage der Truppenprostitution längst aus dem Auge verloren hat, während ihm das Schicksal gekreuzigter Lurche noch immer am Herzen liegt. Jedenfalls hat er darauf gedrängt, eine entsprechende Froschskulptur von Martin Kippenberger aus einer Brixener Ausstellung zu entfernen, ohne sich vorher zu informieren, ob der Künstler überhaupt gedient hat, und wenn, wo, und ob ihm auf Staatskosten jemals Nutten zugeführt worden sind. Der Skulptur selber lässt sich diesbezüglich nichts entnehmen; der Quakende am Kreuz hält zwar noch ein Bierseidel in der Patschpfote, aber Brauereiprodukte sind nun einmal sowohl innerhalb wie außerhalb von Kasernen erhältlich, und manchmal sogar in katholischen Klöstern.

 

Die Zeit, 26.06.08 (Ulrich Greiner)
„Aus für Clinton“ hieß neulich eine Überschrift, als Hillary sich im Kampf gegen Barack Obama endlich geschlagen gab. Dieses »Aus für …« liest man immer dann, wenn es mit einer Person oder Sache wirklich aus ist oder sein soll, so wie Jeremias sagt: »Rahel beweinete ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«
Da wir jetzt ständig Fußball gucken, wissen wir, dass das Aus im Spiel überhaupt kein Aus im Sinne des »Aus für Clinton« ist, im Gegenteil: Das Spiel geht weiter. Das stimmt allerdings auch für Clinton, denn es ist ja keineswegs aus mit ihr. Das »Aus für …« verdankt sich der journalistischen Not, angesichts ständig wachsender Schriftgrößen mit möglichst wenig Zeichen auszukommen. So bringen uns die Zeitungen ein schräges Deutsch bei.
Noch schräger ist das »Public Viewing«. Früher, als man noch deutsch redete, sagte man Open Air dazu, und noch früher, als man kein Englisch konnte, sprach man von Freilichtbühne. Englisch aber können die meisten immer noch nicht, denn public viewing heißt Aufbahrung. Nun ist es leider wahr, dass manche Spiele dieser EM tatsächlich Aufbahrungen gleichen, etwa das deutsch-kroatische. Hoffentlich kommt bald das Aus für Public Viewing.