Mit zunehmender Befremdlichkeit verfolge ich die "Berichterstattung" über die Vorgänge in der Bundeswehr, bzw. über die derzeit zum Thema hochstilisierten Vorgänge. Aber nicht nur die Vorgänge an sich, auch die Reaktionen der Journalisten auf diese sowie auf zu Guttenbergs Reaktionen sind einerseits ganz großes Boulevard-Theater, andererseits an Moralejakulat kaum noch zu überbieten.

 

 

Beispielhaft will ich mal ein paar Sätze aus diversen Artikeln der Ausgabe der ZEIT vom 27.01.2011 herausgreifen, da diese nach einer Kommentierung förmlich schreien.
So schreibt eine gewisse Dagmar Rosenfeld unter der Überschrift "Scheinschiff" zu den Vorgängen auf der Gorch Fock u.a. :
"Doch offenbar geht es unter den weißen Segeln ziemlich schmutzig zu, Kadetten berichten von Drill, Druck und Demütigung."
Ach was ... In einer Ausbildungseinheit der Armee herrscht Drill und Druck? Das ist ja mal ganz was Neues, das hab ich ja noch nie gehört . Und Offiziersanwärter fühlen sich also gedemütigt, wenn ihnen im rauen Ton befohlen wird, ihren Arsch in Bewegung zu setzen (bevor sie es später als Ausbilder mit den Untergebenen genauso machen)? Dann würde ich sagen, sie sind für den Job nicht geeignet, wenn sie nicht die ein oder andere Demütigung während ihrer Ausblidung wegstecken und trotzdem weiter mit erhobenem Haupt gehen können!

Zwei Absätze weiter schreibt Frau Rosenfeld, daß dieser Lehrgang auf dem Segelschulschiff eben auch dazu dient, die Teilnehmer "an ihre psychischen und physischen Grenzen zu führen". Aha. Und man führt an die psychische Grenze mit sanften Worten, höflichem Benehmen und Kuschelkurs? Und an die physischen Grenzen gelangt man am besten, wenn man beim ersten Anzeichen von Erschöpfung erstmal ein Päuschen einlegt, oder wie?

Natürlich, keine Frage, der Tod der Kadettin Seele ist tragisch. Ob es nun ein Unfall oder tatsächlich Versagen der Ausbilder war (die u.U. die tatsächliche Erschöpfung der Kadettin falsch eingeschätzt hatten), bleibt aber erst noch zu klären. Zu Guttenbergs überhastete Reaktion, Kapitän Schatz das Kommando zu entziehen, ohne ihn vorher angehört zu haben, obwohl er sich 24 Stunden vorher gegen jedwede Vorverurteilung stemmte, zeigt jedenfalls, daß der Herr Baron wohl etwas überfordert mit dem Soldatenrecht ist, auch wenn er sich gern als "oberster Soldat" geriert. Der blinde Aktionismus, den der Herr Minister nun an den Tag legt, ist an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Hauptsache sein Heiligenschein wird nicht angekratzt; notfalls müssen halt wieder ein paar Bauernopfer den Kopf hinhalten, wie damals in der "Oberst Klein Affäre". Dieser Minister ist kein Star, sondern ein Feigling; ein Blender, der zusammen mit seiner Frau der Boulevardisierung der Politik weiter Vorschub leistet, ohne wirklich in seinem Fachgebiet Ahnung zu zeigen.

Bleiben wir beim Fall Seele. Josef Joffe schreibt in seinem Kommentar "Das Seeckt-Syndrom" in der gleichen ZEIT u.a. : "Die Nation ist sich einig: Erschöpfte junge Frauen gehören nicht in die Wanten."
Damit hat er gleichzeitig Recht und Unrecht. Ja, erschöpfte junge Menschen (was soll eigentlich die Rumreiterei auf dem Geschlecht?) gehören nicht in die Wanten; ebensowenig wie sie in den Offiziersberuf oder in die Armee gehören. Eine Ausbildung in der Armee ist immer Vorbereitung auf den Kriegsfall (auch wenn das teilweise bestritten wird mit dem Hinweis auf "Verteidigung") - und in diesem Ernstfall nimmt kein Schwein Rücksicht darauf, ob Matrose Meier oder Schütze Müller eventuell ein bisschen müde oder gerade unpässlich ist. Das hört sich jetzt herzlos und unemphatisch an, ist aber die harte Wahrheit hinter der Hochglanzbroschüre "Bürger in Uniform". Und gerade bei der Marine, wo die Wetterverhältnisse eine primäre Rolle spielen, kommt es nun mal auf jeden Einzelnen an, das Schiff in Gang und auf Wasser zu halten; sonst müssen alle dran glauben. Hier kann nur bedingt oder in Extremsituationen gar nicht Rücksicht auf die Befindlichkeit eines Einzelnen genommen werden.
Ich glaube es war von Clausewitz, der gesagt hat, der Tod ist der denkbare Abschluß des soldatischen Arbeitstages. Das ist zwar kaltschnäuzig, aber eben auch eine Tatsache. Und jeder, der sich freiwillig zu den Streitkräften meldet (und Frauen sind alle Freiwillige) muss sich dieses Risikos genauso bewusst sein wie Polizisten oder Feuerwehrleute. Die Armee ist eben kein grosses Abenteuer und der Tod ist ständiger Begleiter. Daß er hier nun während der Ausbildungsphase zuschlug ist wie gesagt tragisch und wäre eventuell vermeidbar gewesen. Wäre das aber während eines Einsatzes z.B. vor Somalia passiert, wäre das Medienecho eher gering. Das sagt mir Einiges über die Berichterstattung und das Bild der Bundeswehr in der Öffentlichkeit.

Weiter reitet die Journalistin Rosenfeld auf der Frage herum, ob der Ausbildungabschnitt auf der Gorch Fock überhaupt noch zeitgemäß sei, ob es überhaupt noch einen Sinn ergebe, in der heutigen Zeit junge Leute auf einem Segelschiff ohne moderne Technik herumhantieren zu lassen. Schließlich empfänden die angehenden Offiziere diesen Teil der Ausbildung als "am wenigsten motivierend".
Dazu sei zum einen gesagt, daß die Gorch Fock sehr wohl über moderne Technik verfügt (beispielsweise die Radaranlage) und zum anderen werfe ich die Frage in den Raum, was die Damen und Herren Offiziere wohl später einmal auf ihren supermodernen Schiffen anstellen mögen, wenn die Technik ausfällt? Was mögen sie wohl tun, wenn die hydraulische Ankerwinde streikt, das Navigationssystem ausfällt oder der Antrieb funktionslos wird? Das nautische Pendant zum ADAC rufen (womit bloß bei Ausfall der Funkanlage?) und sich abschleppen lassen? Und letztlich - Motivation? Das ist eine Ausbildung und kein Wünsch-dir-was-Kindergeburtstag!
Sicherlich übertreibt die Marine mit der Darstellung des Segelschulschiffes ein wenig. Klappern gehört nun mal zum Marketinghandwerk. Es ist aber auch richtig, daß man erstmal krabbeln können muß, bevor man laufen lernt. Die Ausbildung auf der Gorch Fock soll einem die Grundlagen der Nautik, der Marine und des Lebens auf See beibringen. Ohne diese Grundlagen ist man später bei einem der oben beschriebenen Szenarien nämlich ziemlich angeschissen. Von der Pieke auf lernen heisst eben auch harte Arbeit und "Dreckfressen", wie es der BW-Jargon so farbig umschreibt. Dazu gehören sicherlich auch Sachen, die man später vielleicht nie mehr benötigt - aber eben auch nur vielleicht. Davon ab: wieviel von dem, was man in der Schule alles gelernt hat, braucht man später im weiteren Leben davon noch? Die Hälfte? Trotzdem muß man seinen Kopf mit Dingen füllen, die im Berufsleben oder generell im weiteren Leben völlig irrelevant sind. Seltsamerweise wird das kaum hinterfragt.

Noch etwas zu den physischen Grenzen. Dieses "an die Leistungsgrenze führen" gab es auch zu meiner aktiven Soldatenzeit natürlich schon. Bei uns hieß es eben, man solle solange dauerlaufen bis man umfalle oder kotzen müsse. Erst dann weiß man wirklich, wo die körperliche Grenze ist; denn die Psyche hat die Angewohnheit, diese Leistungsgrenze vorzeitig anzuzeigen - man nennt das im Volksmund den "Inneren Schweinehund". Natürlich war dieses beinahe gewaltsame Aufzeigen der Leistungsgrenze nicht schön, wohl aber lehrreich. Ich hätte niemals gedacht, wie lange ich tatsächlich laufen kann, bis der Körper aufgibt (mir knickten damals einfach die Beine weg und der Kreislauf kippte; allerdings wurde die ganze Aktion von Sanitätern begleitet, sodaß eine adäquate Versorgung sichergestellt war); dies half mir nämlich auch zu erkennen, wozu ich im Ernstfall imstande bin. Daher bin ich bis heute ein Verfechter derartiger "Testmethoden", denn nur wenn man wirklich unter Druck gebracht wird, kann man seine Grenzen kennenlernen. Alles andere ist nur hypothetisches Gebabbel. Das hat jetzt nichts mit dem Vorfall auf der Gorch Fock zu tun, sondern ist allgemein zum Thema "physischer Drill" zu verstehen.

Ein weiterer Artikel in der heutigen ZEIT befasst sich ebenfalls mit dem Thema der Armee und den Vorfällen, nämlich ein Interview des Journalisten Jan Ross mit Herausgeber Helmut Schmidt. Ross führt darin an, ein Offizier der Gorch Fock solle zu einem Untergebenen, der über die Verhältnisse auf dem Schiff diskutieren wollte, gesagt haben: "Wir sind hier, die Demokratie zu verteidigen, aber nicht, um sie zu leben." Der Interviewer wirft nun die Frage auf, was man dazu wohl sage.
Zum ersten fällt mir dazu ein, daß besagter Offizier wohl aufmerksam den Hollywood-Streifen "Crimson Tide" verfolgt hat. Der dort von Gene Hackman dargestellte Kapitän Ramsey sagt nämlich zu seinem 1-O, Korvettenkapitätn Hunter, fast das gleiche: "Wir sind hier um die Demokratie zu verteidigen, Mr. Hunter. Wir praktizieren sie nicht." Der deutsche Offizier dürfte die Worte also wohl geklaut haben.
Wie aber sieht es inhaltlich aus? Ganz unrecht haben weder der namenlose Offizier noch Kapitän Ramsey. Das Prinzip von Befehl und Gehorsam widerspricht dem demokratischen Grundverständnis des "jeder hat eine Stimme", auch wenn die innere Führung der Bundeswehr sich seit Jahrzehnten mit dem Thema auseinandersetzt. Eine Armee kann nur mit einer Kommandostruktur und einer klaren Befehlskette existieren, andernfalls negiert sie sich selbst. Die Armee steht als solche immer außerhalb der Demokratie, die sie verteidigt, auch wenn das vielen Staatsrechtlern nicht gefällt. Sie ordnet sich, im normalen Fall, dem Willen der Demokratie unter und handelt in ihrem Auftrag, aber intern ist ein solches System kontraproduktiv.
Ein Befehl ist keine Aufforderung zu einer Diskussion über das Für und Wider. Natürlich befreit ein Befehl nicht davon, selbständig zu denken (das Soldatengesetz gibt sogar klare Definitionen, in welchem Fall ein Befehl folgenlos verweigert werden kann), aber er benötigt eben keine Mehrheitsbeschlußfähigkeit, um ausgeführt zu werden. Auch das sollte jungen Menschen klar sein, wenn sie sich zum "Dienst an der Waffe" verpflichten.

 

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