Die Zeit, 03.07.08 (Silke Hellwig)
Wer in Eckernfeld wohnt, hat es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Die Einfamilienhäuser sind verklinkert, die Hecken gestutzt, an den Mittelklassewagen wehen Deutschlandfähnchen. Immobilienmakler nennen die Lage »ruhig und romantisch«. Selbst der bizarre Wahlkampf, dem der Bremerhavener Ortsteil in diesen Tagen seine Bekanntheit verdankt, ist so ruhig, dass ihn die Eckernfelder glatt verpassen könnten. Wenn nicht Jan Timke, Kandidat der Wahlervereinigung »Bürger in Wut« (BiW) und früher einmal Spitzenkandidat der Bremer Schill-Partei, an jeder ihrer Türen klingeln würde.

 

Von Beruf ist Timke Polizist, wenn er in Eckernfeld auftritt, trägt er die Kleidung vom Wahlplakat, schwarzer Anzug, weißes Hemd, wegen des Wiedererkennungswerts. 600 Haushalte will er bis zur Abstimmung am kommenden Sonntag besucht haben. Zehn Minuten pro Gespräch, acht Stunden pro Tag — das müsse binnen zweier Wochen zu schaffen sein, hat er ausgerechnet. »Er für Euch« steht auf seinen Broschüren und Plakaten. Und: »Bremerhaven zuerst!« Dazu gibt’s ein Schreibset. Fragt ihn jemand, wofür er denn stehe, entgegnet Timke: »Ich bin Polizist, mir liegt die Innere Sicherheit am Herzen.«
Ein Jahr ist die Bremer Landtagswahl nun her. Timkes »Bürgern in Wut« fehlte damals für einen Sitz in der Bürgerschaft nur eine einzige Stimme. Timke legte Einspruch gegen das Wahlergebnis ein und bekam Recht, weil die bereits ausgezählten Stimmen der Eckernfelder unversiegelt in einem Rucksack in das Wahlamt transportiert worden waren. 1311 Frauen und Männer dürfen deshalb am Sonntag erneut wählen, 30 mehr als vor einem Jahr. Einige zwischenzeitlich Zugezogene sind dabei und einige, die vor einem Jahr als Jugendliche noch nicht wählen durften.
Die »Bürger in Wut« sind »gegen »unkontrollierte Zuwanderung und Multikulti« und »für eine Renaissance konservativer Werte und bürgerlicher Tugenden«. Außerdem haben sie im Bundestag eine »Petition gegen deutschfeindliche Beschimpfungen« eingereicht und geben in ihren Infobriefen unter der Rubrik »Der gute Rat« praktische Lebenshilfe. Diesmal: Was tun gegen Silberfischchen? Gegen die geballte Macht der bürgerlichen Parteien sollte eine solche Partei chancenlos sein. Wer sich aber bei der politischen Konkurrenz umhört, der bekommt erstaunliche Auskünfte. Wolfgang Jägers, der Bremerhavener SPD-Mann, der nun um sein Mandat bangen muss, hat keine Lust, in Eckernfeld die Klinken zu putzen. »Ich will die Leute nicht nerven«, sagt er. Immerhin raffte sich die SPD auf, ein Sommerfest zu veranstalten, mit Landesvater, Hüpfburg und ähnlichen Schikanen.
Auch der Bremerhavener CDU-Kreisvorsitzende und Bürgermeister Michael Teiser bekennt, dass es schwer sei, Timkes Wutbürgern etwas entgegenzusetzen. »Sie appellieren, mit der Wahl die da oben abzuwatschen. Es geht nur um Emotionen.« Die Grünen haben schon fast aufgegeben. Es sei »so gut wie aussichtslos«, Timkes Einzug ins Parlament zu verhindern, sagt der Bremerhavener Vize-Kreisvorstandssprecher Frank Willmann.
Ein paar einfache Zahlen sind es, die Timke fast unbesiegbar erscheinen lassen. 33 Stimmen hat er vor einem Jahr im Eckernfeld bekommen; zehn Stimmen mehr, so rechnet er sich aus, würden für ein Mandat in der Bürgerschaft genügen. Fällt die Wahlbeteiligung unter die 60 Prozent der Bürgerschaftswahl, reichen auch noch weniger Stimmen. ‘
»Man kann nicht viel mehr tun, als die Eckernfelder aufzufordern, zur Wahl zu gehen«, heißt es bei den Grünen. »Wahlstrategisch ist das eine Situation, in der mannicht gewinnen kann«, sagt Martin Günthner, SPD-Vizechef in Bremerhaven. »Wenn die Wahl fair wäre«, klagt nun der SPD-Mann Jägers, »hätte ich keine Probleme« – aber was sollte an dieser Nachwahl unfair sein? Jägers beklagt den Mangel an Unterstützung aus dem Lager seiner politischen Gegner. Den Oppositionsparteien CDU und FDP im Landtag komme es gerade recht, dass ein Sozialdemokrat aus dem Parlament fliegt, vermutet er. Die Bremerhavener Liberalen bestreiten das, kritisieren aber zugleich den angeblich übertriebenen Aufwand der SPD. »Jetzt ziehen sie alle Register — bei keiner Wahl zuvor hat es im Eckernfeld ein Grillfest gegeben.«
Wie lange Timke im Landtag sitzen wird, falls er nun dort einzieht, ist ungewiss. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Wahlfälschung gegen ihn. Sie wirft dem am Berliner Ostbahnhof beschäftigten Polizisten vor, für die Landtagswahl im Mai 2007 seinen Wohnsitz nur zum Schein in Bremerhaven genommen zu haben. Insgeheim liebäugelt die SPD offenbar ihrerseits mit einer Wahlanfechtung, sollte ihr Mann aus dem Parlament fliegen. »Es wird Zeit«, sagt SPD-Vize Martin Günthner, »dass sich mal ein richtiges Gericht mit dem Fall beschäftigt.« Die Wut der Bürger dürfte das kaum dämpfen.


Ein gar seltsames Lehrstück tut sich hier auf; fürwahr sollte es zum Pflichtteil in Politologie-Prüfungen werden. Aber halt, das wäre ja kontraproduktiv. Nüchtern betrachtet läßt sich feststellen: ein Parteikandidat stellt einen Fehler im Wahlverfahren fest und besteht deshalb auf eine Wiederholung. Das ist nicht nur sein Recht, nein, gar seine Pflicht! Nun ist besagter Kandidat offenbar rechtslastig, weshalb sein Handeln logischerweise nur einen Sturm der Entrüstung hervorrufen kann, zumindest in den Medien. Selbst die Autorin des oberen Artikels kann sich überflüssige Hähme nicht verkneifen: „Trägt die Kleidung vom Wahlplakat“ (schwarzer Anzug, weißes Hemd) wg. des Wiederkennungswertes. Damit spricht sie potentiellen Wählern generell geistige Fähigkeiten ab und beleidigt einen Teil der Bremerhavener Bürger – denn, Frau Hellwig, falls ihnen das noch nicht aufgefallen ist: schwarzer Anzug und weißes Hemd ist eine quasi Standard-Uniform der Politiker, also überhaupt nichts besonderes. Falls Sie allerdings darauf anspielen wollten, daß diese Kleidung sehr häufig von berufsmäßigen Kriminellen wie eben Politikern, Bankern und Managern getragen wird, dann ziehe ich meinen Hut vor soviel versteckter Bosheit in einem seriösen Medium wie der ZEIT.

Was den Rest angeht, das kennen wir ja. Lamentieren auf hohem Niveau von allen anderen Parteien die nur noch von der Hoffnung getrieben werden, Herrn Timke durch Justitia stoppen zu können, und sei es auch noch so fadenscheinig. Anstatt zu überlegen und zu hinterfragen, warum die Bürger „in Wut“ ihn überhaupt in die Bürgerschaft wählen. Soweit reicht der geistige Horizont aber offenbar nicht – lieber schimpft man darüber, daß der böse Rechte ein Grillfest organisiert. Wie kann er nur!
Solange sich die Politiker einen Scheiß um den „kleinen Mann“ und seine Ängste scheren, solange werden die Rechten weiter Zulauf bekommen. Und solange die Politiker die realen Sorgen und Nöte der Bürger ignorieren und lieber mit Postenschachern, Lobbyistenempfängen und parteiinternen Unwichtigkeiten beschäftigt sind, solange wird sich an der Situation nichts ändern. Eines Tages wird es dann zu spät sein. Es soll dann nur keiner sagen, es hätte nicht Leute gegeben, die davor gewarnt haben. Denn die gibt es. Politiker oder Wirtschaftsleute sind da allerdings keine drunter….

 

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