Die Zeit, 03.07.08 (Josef Joffe)
Anfang Juni probte die israelische Luftwaffe Krieg über der Agäis; die Entfernung entsprach just den 1600 Kilometern von Tel Aviv nach Natans und Isfahan, den Zentren des iranischen Atomwaffenprogramms. Dass das Manöver den Angriff auf Iran simulierte, wie ein US-Offizieller anonym dozierte, war so überraschend wie der Verweis auf den Marienglauben des Papstes. Die Israelis simulierten, um nicht exekutieren zu müssen; also sollte der Manöverlärm vor allem den Rest der Welt schocken: »Wenn ihr nicht endlich ernst macht mit Sanktionen, dann …« Am Wochenende haben israelische Hinterbänkler erneut mit Bombenangriffen gedroht.

 

In Amerika wird derweil darüber diskutiert, ob nicht Washington die »proaktive Nichtverbreitung« an Israel outsourcen könnte — siehe zum Beispiel das Webforum Middle East Strategy at Harvard. Die kurze Antwort dieses Autors lautet: Weder Alleingang noch Auslagerung liegt im US-Interesse; folglich wird der Festland-Degen Israel keine Prokura bekommen.
Absurd ist bereits die Idee, Washington könne mit unschuldigem Augenaufschlag auf einen israelischen Angriff reagieren: »Wer, wir?« Das würde niemand glauben, erst recht nicht, nachdem die israelischen Jets auf dem Weg nach Natans tausend Kilometer irakischen Luftraums durchflogen hätten, der bekanntlich unter US-Herrschaft steht. Ob im Cockpit oder im Keller, die USA wären in jedem Fall Komplize — und damit Zielscheibe iranischer Vergeltung. Folglich müsste es Washington gleich richtig, also selber machen — und ansonsten Israel stoppen.
»Gleich richtig« lässt sich als »groß angelegter Luft- und Seekrieg« übersetzen, zu dem Israel nicht fähig wäre. Die israelische Luftwaffe könnte sicherlich einzelne Anlagen zerstören; die USA aber müssten in einer weitaus größeren Arena dominieren. Was ist, wenn die Revolutionsgarden in den Irak, in die ölreiche Basra-Provinz einfallen? Oder Tanker im Golf versenken und so den Ölpreis auf 300, 400 Dollar pro Barrel treiben?
Folglich erfordert »gleich richtig« eine Dreiphasenkampagne.
Die erste müsste die gesamte iranische Luftverteidigung ausschalten — siehe Irakkrieg I und II, wo diese Etappe notabene nicht Tage, sondern Wochen dauerte. Und trotzdem konnte Saddam seine mobilen Raketen vor den Bombern retten.
Die zweite Phase müsste praktisch simultan verlaufen. Ein Ziel wäre die Zerstörung aller iranischen Luft- und Seestreitkräfte, die den Tankerverkehr im Golf bedrohen könnten. Das andere wäre die vorbeugende Vereitelung eines iranischen Vorstoßes in den Irak. Auch hier ginge es um systematischen Krieg.
Erst die dritte Phase würde dem eigentlichen Zweck dienen: der Zerschlagung aller waffenträchtigen Anlagen. Da manche von ihnen »gehärtet« und andere in Städten wie Isfahan platziert worden sind, müsste präzise kontrolliert und immer wieder gebombt werden. Jeder Kreigsherr sollte hier ebenfalls in Wochen, nicht in Tagen denken.
Die Israelis wollen, aber können nicht; die Amerikaner können, aber wollen nicht; weil dies kein Spaziergang, sondern ein breit angelegter Krieg wäre. Leider weiß das auch Teheran.


Der Anfang dieses Essays klang ja noch vielversprechend. Endlich einmal wird nicht nur einseitig der Iran als der Nahost-Buhmann hingestellt, nein, auch Israel wird als das entlarvt, als was es sich schon seit geraumer Zeit geriert: als ständig stichelnder Kriegstreiber, der sich selbst am liebsten in der Rolle des Opfers sieht, weil er ja von bösen Nachbarn umzingelt ist. Nun, es ist längst an der Zeit festzustellen, daß es auch in Israel genug Vollidioten in der Regierung gibt, die nichts anderes als Säbelrasseln können und bei jedweder Kritik daran sofort mit der Antisemitismus-Keule zuschlagen.

Doch was soll der letzte Satz? „Leider…“; ein einziges Wörtchen, das den gesamten Artikel sofort wieder viel Israel-freundlicher erscheinen lässt. Offen gesagt habe ich von dieser Art Arschkriecherei die Nase gestrichen voll. Sicherlich ist der Iran keine Musterdemokratie und wird es wohl so schnell auch nicht werden. Die Aussage aber, man habe schlicht Angst vor der Atommacht Israel und wolle nur auf gleiche Augenhöhe kommen, kann ich, selbst wenn es nur eine Ausrede sein sollte, durchaus nachvollziehen. Ein Land, das aufgrund seiner aggressiven Siedlungspolitik schon öfter bewiesen hat, daß es ihm erstmal völlig egal ist, was seine Nachbarn denken und sich einen Scheiß für die Souveränität anderer Gebiete interessiert beweist damit seine Gefährlichkeit und seine Unglaubwürdigkeit im Bemühen um Stabilität und Frieden in der Region – außer natürlich, diese werden ausschließlich zu den Bedingungen Israels umgesetzt. Dieses expanionistische Denken erinnert stark an den „Ein Volk braucht Raum“ Slogan aus eigentlich längst vergessenen Tagen.
Und wer jetzt meint, das sei antisemitisch, verschliesst seine Augen fahrlässig vor den Tatsachen.

 

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