Die Zeit, 31.12.08 (Finis)
Viele Menschen glauben immer noch, wir lebten in der gerechtesten aller Welten. Weit gefehlt! Unsere liebe FDP zum Beispiel wird von öffentlichen Meinungsverführern stets sehr ungerecht behandelt. Herr Westerwelle ist der brillanteste Redner im Bundestag, doch beim Rattenrennen um die Kanzlerschaft gönnt man ihm nicht das Schwarze unterm Nagel. Bußfertig müssen wir einräumen, dass Freidemokraten in dieser Kolumne ebenfalls einen schweren Stand hatten, nämlich gar keinen, denn bislang fiel uns zu dieser Partei nichts ein, eigentlich noch viel weniger.

 

Das bereuen wir von Herzen. Denn nun hat der ehemalige McKinsey-Unternehmensberater und Berliner FDP-Politiker Henner Schmidt einen rattenscharfen Vorschlag gemacht, der uns das Herz im Leibe hüpfen lässt. Dr. Schmidt möchte Arbeitslose aus ihrer Schmollecke herausholen und wieder zu geachteten Mitgliedern der menschlichen Gemeinschaft machen. Sein schöner Plan geht so: Jeder Hartz-IV-Empfänger wird künftig einer sinnvollen Tätigkeit zugeführt und darf in der Berliner Kanalisation nach Lust und Laune Ratten jagen. Für jedes erlegte Nagetier erhält er ein opulentes Kopfgeld von einem Euro brutto. Einfach die persönlich abgetrennten Rattenschwänze im handlichen Zehnerpack beim FDP-Ortsverein zu den üblichen Bürozeiten vorbeibringen und die wohlverdiente Prämie abzüglich einer zarten Bearbeitungsgebühr von fünfzig Cent bar auf die Hand entgegennehmen.
Leistung muss sich wieder lohnen! Das erforderliche Arbeitsgerät wie Gummistiefel, Pfeil und Bogen sowie steriles Amputationsbesteck für die medizinische Erstversorgung bei Jagdunfällen sind vom Rattenfänger persönlich zu stellen. Darüber hinaus hat der Kandidat strikt für angemessene Dienstkleidung und menschenwürdiges Aussehen bei Einsätzen in der Kanalisation von Besserverdienenden Sorge zu tragen. Wir empfehlen den gedeckten dreiteiligen Business-Jagdanzug »Modell Westerwelle«; Schnittmuster zum Selbernähen hält der ördiche Ortsverein kostenpflichtig bereit (Tel. 030/278 95 90). Wird dem Rattenfänger bei Außeneinsätzen von übertrieben mitleidigen Bürgern ein Zubrot gewährt (Butterstulle, warmer Tee), so ist dieses als geldwerte Leistung vollumfänglich zu versteuern. Für den Fall, dass Berliner Ratten ihrerseits einen Hartz-IV-Empfänger zur Strecke bringen, so dürfen sie leider nicht mit einem Kopfgeld rechnen. Die Berliner FDP vertritt die Meinung, dass auch von Tieren ein Minimum an menschlichem Anstand erwartet werden darf.



Zuerst einmal bleibt einem da schon etwas die Luft weg vor Wut über einen solch dreisten „Vorschlag“. Andererseits: warum? Zum einen ist der Mensch ein ehemaliger McKinsey-Mann und damit eigentlich ein Experte in Sachen Jobvernichtung, seine Nase in Sachen stecken, von denen man nicht die Geringste Ahnung hat und große Schäden anrichten und sich dann verantwortungslos davonstehlen. So kennen und lieben wir das Berater-Geschmeiß. Zum anderen ist er ein FDP’ler – also ein Götzendiener des entfesselten Marktes, Huldiger des Neoliberalismus und damit automatisch jemand, den die Bedürfnisse derjenigen, die auf der sozialen Leiter unter ihm stehen, nicht im Geringsten interessieren.

Was also soll die Aufregung? Aus so einem Haufen Scheiße kommt eben nur Gestank raus und kein Rosenduft. Im Gegenteil: ich würde eher mißtrauisch, wenn sich die FDP ernsthaft für die sozial Benachteiligten oder ganz allgemein die „kleinen Leute“ engagieren würde. Denn dann muß man damit rechnen, daß eine noch viel größere Frechheit folgt. So aber ist und bleibt die Nachricht eine Randnotiz, abzuheften unter „Vom Gesocks nichts Neues.“

 

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