Die Zeit, 01.10.08 (Claas Tatje)
Für Peter Dombo liegt zwischen der guten und der schlechten Welt nur eine Schrittlänge. In der guten Welt tragen kleine Zweige gesunde grüne Trauben, die Dombo wie ein Neugeborenes in der Hand wiegt, in der schlechten sind die Früchte vertrocknet und von Pilz befallen. »Lederbeeren sind das«, sagt Dombo, und sie sind ihm zuwider, denn »da hat kein Winzer Spaß dran«. Dombo aber will, dass das Leben für Landwirte eine Freude ist, und deshalb erforscht der Feldversuchsleiter von BASF die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln.

 

Damit die gute Welt auf dem Feld bei Ludwigshafen überlebt, hilft Dombo nach — mit Chemikalien seines Arbeitgebers.
Die Zutaten von Dombos guter Welt sind jedoch heftig umstritten. Etliche Pestizide gelten als krebserregend oder stehen im Verdacht, das Erbgut zu gefährden. Die Umweltorganisation Greenpeace aktualisiert alljährlich eine schwarze Liste mit Pflanzenschutzmitteln. Die enthält auch 168 in der EU zugelassene Pestizide. Inzwischen haben die Umweltschützer einen mächtigen Mitstreiter gefunden: die EU-Kommission. Nach ihrem Vorschlag würde bis zu ein Drittel aller Wirkstoffe verboten werden — so zumindest die Befürchtung der Industrie. Die Forderungen des Europäischen Parlaments gingen sogar noch weiter. Anfang Oktober endet dort die Frist für Änderungsanträge.
Noch drohen die Firmen weder mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen noch mit sinkenden Verkaufserlösen. Laut Industrieverband Agrar beträgt der Umsatz allein in Europa rund sechs Milliarden Euro. Ein Fünftel davon entfällt auf Deutschland. Die Konzerne, darunter vor allem die deutschen Chemieriesen BASF und Bayer, schlagen einen größeren Bogen. Ihre Interessenvertreter malen ein düsteres Bild. Sie sehen die gesamte Landwirtschaft vor einer bedrohlichen Existenzkrise.
»Es geht nicht darum, dass unser Konzern vom Markt verschwindet. Europas Agrarflächen werden veröden«, warnt der Lobbyist eines großen deutschen Anbieters. Michael Ceranski, der Deutschlandchef der Pflanzenschutzabteilung von BASF, prophezeit einen massiven Rückgang der Ernteerträge um 30 bis 50 Prozent. Auf die Verbraucher käme »eine Belastung von 90 Milliarden Euro zu, denn die Lebensmittelpreise werden weiter steigen«, sagt Ceranski. Errechnet hat das der Gießener Agrarprofessor Michael Schmitz – im Auftrag von BASF.

Die EU-Kommission hält die Argumente für völlig übertrieben. Momentan seien 220 Wirkstoffe zugelassen und weitere 180 im Zulassungsverfahren. Davon würden langfristig sechs ganz sicher vom Markt verschwinden, bei 20 weiteren sei ein Verbot wahrscheinlich. »Alles andere ist Spekulation«, sagt Wolfgang Reinert, Pestizidexperte im Gesundheitskommissariat: Nur weil ein paar Präparate verboten würden, drohe doch keine Nahrungskrise.
Derweil führt die Industrie den Niedergang der Landwirtschaft schon mal vor. Quer durch die Republik hat sie Versuchsflächen angelegt. Auf dem Limburgerhof beispielsweise, wo Peter Dombo neue Mixturen testet, sind nicht nur die Lederbeeren zu besichtigen. Überall dort, wo Dombo nicht spritzt, saugen Läuse an den Blättern der Apfelbaumtriebe, und Pilze bilden Apfelschorf.
Der Industrieverband Agrar hat sogar einen Film drehen lassen, der den Verfall der Felder zeigt: Salatköpfe verfaulen, Rapsglanzkäfer fallen in Scharen über Blütenpollen her. Doch dem wollen die Kritiker gar nicht widersprechen. »Es nützt dem Gesundheitsschutz wenig, wenn wir Obst- und Gemüseanbau in Europa unmöglich machen«, sagt beispielsweise die umweltpolitische Sprecherin der CSU-Gruppe Anja Weisgerber. Aber: »Krebserregende und hormonschädigende Stoffe gehören nun einmal verboten.«
Schon heute seien in Europa rund 60 Prozent weniger Wirkstoffe zugelassen als in den USA, Südamerika oder Asien, argumentiert die Industrie. »Wenn Sie jetzt noch mehr verbieten, dann ist das, als würde man alle Alternativen zu Penicillin vom Markt nehmen«, schimpft deshalb ein Brüsseler Industrielobbyist.
Es ist ein Glaubenskrieg, der in den Büros der Abgeordneten ausgetragen wird, in den Konferenzräumen der EU-Kommission und selbst den Parlamentscafes. Die Industrie kämpft seit Monaten gegen ihre Kritiker. Klaus Welsch beispielsweise, der Chef von BASF Pflanzenschutz Europa, lud Mitte September zu einem »fruit breakfast« und präsentierte rund einem Dutzend ausgewählten Assistenten von Abgeordneten die Antwort, wie im 21. Jahrhundert neun Milliarden Menschen ernährt werden können. Er zeigte den Politikberatern Bilder. Auf einem sieht man sechs Hände, die an einem Brot zerren. Wie können es die Abgeordneten da verantworten, bis zu 85 Prozent der Pflanzenschutzmittel zu verbieten? Diese Frage schwingt bei jeder der 15 PowerPoint-Folien mit.

Es sind keine neuen Argumente, die Welsch bringt, und Hiltrud Breyer hat sie alle schon gehört. Die Abgeordnete aus der Fraktion der Grünen hat bei dieser Richtlinie ein bedeutendes Mitspracherecht. Sie ist nämlich die Verfasserin des Positionspapiers, das als Vorlage für die Abstimmung im zuständigen Umweltausschuss gilt. Es ist kein Zufall, dass sie dafür ausgewählt wurde, Breyer gilt seit Jahren als Expertin ihrer Fraktion.
Sie setzte sich wiederholt für eine Verschärfung des Vorschlages aus der Kommission ein und gilt bei Lobbyisten als unbequeme Gegnerin. Immer wieder verweist sie auf eine Studie von Philippe Grandjean. Der Medizinwissenschaftler schrieb bereits vor knapp zwei Jahren, dass 90 Pestizide giftig wirken können für das Nervensystem und möglicherweise den Intelligenzquotienten senken.
»Das Gehirn ist nicht ersetzbar«, warnt Breyer, die wie die CSU-Abgeordnete Weisgerber ein konsequentes Verbot aller krebserregenden und erbgutveränderten Pestizide fordert. Nach ihren Berechnungen wären davon aber nur knapp fünf Prozent aller Pestizide betroffen. Zu Pressegesprächen serviert die Abgeordnete ungespritzte Erdbeeren, deren Genuss mit Schlussfolgerungen aus einem weiteren Dutzend Studien unterfüttert wird. Auch deren Botschaft lautet: Viele Pestizide sind in hohem Maß gesundheitsgefährdend.
Michael Ceranski kontert solche Ergebnisse mit einem Zitat von Paracelsus. »Die Dosis macht das Gift«, sagt der Deutschlandchef der Pflanzenschutzsparte von BASE Selbst wenn die zugelassene Höchstmenge von Pestiziden in Lebensmitteln deudich überschritten sei, gehe noch keine Gefahr von den Produkten aus. Zwischen der Höchstmenge und der Dosis, die im Tierversuch noch keinen Effekt zeige, liege ein Sicherheitsfaktor von mindestens 100. Und außerdem »achten die Behörden doch schon heute sehr sensibel auf die Einhaltung der Grenzwerte«, sagt Ceranski. Aus diesem Grund lehnt auch der Deutsche Bauernverband eine Verschärfung der bestehenden Gesetze ab.

In seiner ersten Lesung hat sich das Parlament nicht von den Argumenten der Industrievertreter beeindrucken lassen. Im Gegenteil: Die Abgeordneten forderten noch kürzere Übergangsfristen, als die Kommission vorgeschlagen hatte. Außerdem plädieren die Abgeordneten dafür, einen Pestizidpass einzuführen. Damit soll zurückverfolgt werden können, welches Pestizid wann eingesetzt wurde.
Wenn die Mitglieder des Parlaments ihre Meinung auch bis zur zweiten Lesung nicht ändern, müssen sich noch die Agrarminister Europas auf eine gemeinsame Linie einigen. Vor allem der derzeitige Vorsitzende dieser Runde, Frankreichs Agrarminister Michel Barnier, könnte ein Interesse an einer strengen Regelung haben, vermuten Brüsseler Insider. Schließlich wirke eine Verschärfung der Verordnung wie ein Importzoll.
Europa könnte Wein aus Südafrika und Getreide aus den Vereinigten Staaten blockieren, wenn die Produkte Pflanzenschutzmittel enthalten, die in der Europäischen Union verboten sind. Das wäre dann ganz im Sinne der Protektionisten — unter anderem jener aus der französischen Landwirtschaft.


Es ist schon ein starkes Stück, ein nachweisbar gesundheitsgefährdendes Pestizid mit Penicilin zu vergleichen. Andererseits ist man derart hahnebüchene Rhetorik eigentlich vom Abschaum der Berufswelt, vulgo Lobbyist, gewohnt. Je bescheuerter der Vergleich, desto medienwirksamer. Sollen die Leute doch den vergifteten Fraß vorgesetzt bekommen, merken tun sie’s im ersten Moment eh nicht. Und wenn dann die Spätschäden auftreten, ist ein Zusammenhang mit dem aus der Giftküche von BASF und Konsorten stammenden Dreck ohnehin nur schwer bis gar nicht nachweisbar.

So geht es also gar nicht darum, die Ernährung der Menschheit sicherzustellen. Denn, das läßt sich leicht ausrechnen, das ist ohne Chemie gar nicht mehr machbar. Es geht eigentlich darum, das wenige, was tatsächlich noch von den Feldern der Erde stammt, nicht auch noch zu verseuchen und zu vergiften. Die Folgeschäden der chemischen Lebensmittel sind nach wie vor Gegenstand der Forschung. Die Folgeschäden bei mit Pestiziden verseuchten, „natürlichen“ Lebensmittel gelten hingegen als weitreichend gesichert. Aber das wollen die Industrievertreter natürlich nicht wahrhaben – ihnen geht es ausschließlich um den Profit. Ob’s den Leuten schmeckt oder ihnen gar schadet interessiert dabei keine Sau, Hauptsache, der Aktionär ist zufrieden und die Marge passt.

Man sollte diesem ganzen Gesocks mal ausschließlich ihr Geld zum fressen geben und das übriggebliebene Essen unter dem Rest der Bevölkerung verteilen. So wäre beiden Seiten geholfen: das Lobbyistengeschmeiß würde verrecken und der Rest hätte mehr auf dem Teller.

 

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