Inishowen / Letterkenny (Leitir Ceanainn) / Nordküste / Glenveagh / Slieve League / Donegal (Dún na nGall)

 

Unsere Reise durch “Irlands Alaska” beginnt mit einer Rundfahrt auf der Halbinsel Inishowen. Ähnlich wie die Rings im Südwesten, gibt es auch hier eine ca. 160 km lange Straße, die entlang der Küste die um ganze Peninsula herum führt. Der Weg führt einen zunächst am Lough Foyle entlang via Muff (ein kleiner Ort, der erst abends richtig erwacht, wenn die Zecher aus Nordirland herüberkommen um hier ein republikanisches Bier zu trinken) auf der R238 bis Moville. Hier lag einst ein großer Hafen für die Transatlantikdampfer nach Amerika; diese Tage sind aber längst passe. Heutzutage ist dort nur Ende September richtig was geboten, wenn mit dem Foyle Oyster Festival das größte Volksfest der Gegend steigt. Von Moville aus kann man nun das letzte Stückchen zum Inishowen Head vorstossen. Dabei passiert man das geschäftige Fischereistädtchen Greencastle, in welchem es an allen Ecken nach Fisch und Tang riecht. Von hier aus ist Nordirland zum Greifen nahe; nur durch eine Meerenge getrennt, kann man den gegenüberliegenden Magilligan Strand erkennen.
Folgt man von Moville aus der R238 und dann bei Malin der R242 weiter, gelangt man an den nördlichsten Punkt Irlands, Malin Head. Bei stürmigem Wetter (und das herrscht hier eigentlich fast immer) strahlt die Szenerie eine morbide und dunkle Atmosphäre aus. Der 1805 gebaute Wachturm trotzt grimmig dem permanenten Winden und die ihn umgebenden, noch aus dem Weltkrieg stammenden Unterstände und Bunker verdüstern das Stimmungsbild entsprechend. Nicht nur die Natur ist hier oben rauh.
Wir fahren wieder südlich, diesmal aufseiten des Lough Swilly und stoßen auf Buncrana, DEN Badeort der weiteren Umgebung. Im Sommer wird der Strand von Besuchern aus Nordirland geradezu überschwemmt und an Wochenenden tobt hier das Leben.
 
Weiter südöstlich liegt der Hauptort von Nord-Donegal: Letterkenny. Ein typischer Übernachtungsort, auch von mir gern genutzt. Von hier aus lassen sich Tagestouren in alle Himmelsrichtungen realisieren, bevor man sich auf die Weiterreise begibt. Der Ort selbst weist keine großen Besonderheiten auf, sieht man einmal von der längsten Hauptstraße Irlands ab. Ein wirklich hervorragendes Steak gibt’s abends in „The Brewery“ am Market Square und im angeschlossenen Pub läßt sich das ein oder andere Guiness geniessen. Dort sollte man zum Trinken auch bleiben, denn die Stadt Letterkenny belegt Trinken in der Öffentlichkeit mit satten 500,- Euro Bußgeld.
 
Wir schlängeln uns weiter ostwärts der Küste entlang. Durch eine abwechslungsreiche Landschaft, von den grünen Wiesen bei Cranford über die feinen Sandstrände bei Dunfanaghy bis zu den torfigen Böden im Gebiet von Gweedore (Gaoth Dobhair), gelangt man schließlich zu dem sehr berühmten, bei Tage aber eher unspektakulären Bloody Foreland. „Cnoc Fola“, der Hügel aus Blut, heißt die Felsengruppe auf irisch. Man könnte hier nun den Ort einer alten keltischen Schlacht vermuten, läge damit aber falsch. Der Name bezieht sich auf die Tatsache, daß die Granitfelsen bei Sonnenuntergang in ein spezielles Licht getaucht werden, das sie blutrot erscheinen läßt. Diese spezielle Lichtstimmung live zu erleben, ist allerdings eher Glückssache und stark wetterabhängig.
 
Weiter südlich stößt man auf den mit 750 Meter höchsten Berg Donegals: Mount Errigal. Was sich von der Höhe wenig spektakulär anhört, ändert sich aber, sobald man des Quarzkegels ansichtig wird. Bei gutem Wetter und entsprechender Zeit vorausgesetzt, führt eine mit zwei Stunden Gehzeit deklarierte Route auf den Gipfel, von wo aus man ganz Donegal überblicken und bei entsprechendem Wetter bis nach Derry hinübersehen kann.
Nicht weit vom Berg entfernt findet man den Glenveagh National Park, der mit fast 100 qKm Irlands größter Nationalpark ist. Vom Visitor Centre aus führt bietet sich die Möglichkeit, gegen eine geringe Gebühr mit einem Shuttlebus zum Glenveagh Castle zu fahren. Obwohl die Entfernung nur vier Kilometer beträgt, rate ich dennoch dazu, den Bus zu nehmen, denn erstens ziehen sich die vier Kilometer ganz schön hin (ich glaube, es sind doch einer oder zwei mehr) und zweitens gibt es um das Schloß herum noch genug Wege zu erlaufen. Neben dem Castle selbst, dessen Einrichtung zum großen Teil von dem steinreichen Anglo-Iren Henry McIlhenny in den Dreißigern zusammengekauft wurde, der das Schloß auch lange selbst bewohnte, gibt es allerlei schön angelegte Gärten direkt am Castle zu besichtigen. Die Rundwege hören auf klangvolle Namen wie Swiss Walk, Belgian Walk oder 67 Steps Walk. Letzterer war bei meinem letzten Besuch allerdings gesperrt und es sah nicht so aus, als würde er bald wieder eröffnet. Den längsten Weg bietet der View Point Trail, von dessen oberem Endpunkt sich ein schöner Ausblick auf das Castle und den Lough Veagh ergibt.
 
Westlich des Nationalparks liegt die eher unaufregende Landschaft The Rosses (Na Rosa), die ein Reiseführer knapp mit den Worten „Meer, Moor, Steine und Einsamkeit“ beschreibt. Erwähnenswert scheint mir hier nur das Örtchen Burtonport (Ailt an Chorráin). Zum ersten kann man von hier aus eine Fähre nach Aranmore Island nehmen, um das Inselchen zu erkunden. Zum zweiten ist es (noch) das Zentrum des Wildlachsfangs von Irland. Drittens ist hier die Endstation der „Londonderry & Lough Swilly Railway“, die wahrscheinlich weltweit einzige Eisenbahngesellschaft ohne eine Eisenbahn (allerdings verfügt man über ein paar Busse). Und letztens liegt ca. 2 Kilometer entfernt, in dem Ort Meenaleck, der Pub Leo’s Tavern. Fünf Kinder von Leo Brennan begannen dort ihren kometenhaften Aufstieg ins Musikbusiness mit ihrer Band „Clannad“. Seine Tochter Enya brachte es Solistin ebenfalls zu Weltruhm (und das im Wortsinne; spätestens seit 2001 ist ihr Lied „Only Time“ tatsächlich auf der ganzen Welt bekannt). Leos Sohn Bartley führt heute die Kneipe und gewöhnlich freitags ist immer eine musikalische Session angesagt. Beim Dorffest „Jack’s Fair“, das Mitte Juli stattfindet, sollen auch schon die Bandmitglieder von Clannad gesichtet worden sein, die ausgelassen mitgefeiert und –gesungen haben.
 
Fährt man weiter südlich, stößt man auf das Örtchen Kiclooney, welches mit einem weiteren Dolmen aufwarten kann. Die Besonderheit ist hier die Form des Decksteins, die einen an einen Hund erinnert.
Weiter führt uns der Weg nach Glencolumbkille (Gleann Cholm Cille). Das geistige Zentum der Donegal-Gealtacht trumpft mit einem Dorfmuseum, dem Folk Village, auf. Dort kann man sich einen Einblick in die Lebensbedingungen des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts verschaffen. In der angeschlossenen Cafeteria werden solch Köstlichkeiten wie Whiskeymarmelade oder „Wein“ in den Geschmacksrichtungen Honig und Seetang kredenzt und auch verkauft.
 
Wir halten uns nun ostwärts und passieren Slieve League. Hier gibt es die mit bis zu 600 Metern höchsten Klippen Irlands zu bewundern. Im Gegensatz zu ihren berühmten Vettern im Süden, den Cliffs of Moher, ist hier die Landschaft noch naturbelassener und wesentlich wilder. Absperrungen gibt es nicht, weshalb man bei schlechtem Wetter hier äußerst vorsichtig zu Werke gehen sollte; ein falscher Tritt könnte der letzte sein.
 
Den Abschluß unserer Tour durchs County markiert der Ort Donegal selbst. Dún na nGall, die Festung der Fremden, wurde ursprünglich von den Wikingern gegründet, bevor sie sich zum Stammsitz der O’Donnells mauserte. Das Castle selbst, das eine recht wechselhafte Geschichte hat, kann gegen zuletzt 4,- Euro Eintritt besichtigt werden. Interessant auch der Obelisk zu Ehren der „Four Masters“ am Diamond, dem zentralen Platz des Ortes. Diese vier Herren waren Mönche des ehemaligen Franziskanerklosters der Stadt. Ihre „Annals of the four masters“ werden als die wichtigste Quelle zur keltischen Geschichte und Mytholgie von den Anfängen bis 1618 angesehen. Sie hatten die Geschichten, getrieben von der Furcht vor der sich abzeichnenden Anglisierung, gesammelt und in einem wahrhaft monumentalen Werk aufgeschrieben.
Für den Freund der morbiden Stimmung bietet sich noch ein Abstecher zur Old Abbey samt Friedhof an, die direkt am Ufer des River Eske liegt.